Vielfalt der Kulturen – Ungleiche Stadt: Eine Wissensallianz präsentiert sich

Am 9. Mai wurde das vom Paulo Freire Zentrum initiierte Projekt „Ungleiche Vielfalt: Vielfalt der Kulturen – ungleiche Stadt“ in der Bezirksvorstehung Währing vorgestellt. Die Veranstaltung zählte circa 60 BesucherInnen, Ehrengäste waren die ProjektpartnerInnen aus Serbien und der Türkei.
Caroline Sommeregger | 18.05.2011
 homole.JPG Nach einer kurzen Begrüßung durch den Bezirksvorsteher Karl Homole, der sich sehr darüber freute die Veranstaltung beherbergen zu können, stellte Projektleiter Andreas Novy in einem „Blitzlichtvortrag“  die Eckpfeiler des sehr komplexen Projektes dar.

„Verschiedenes wird miteinander in Beziehung gebracht“ ...

... so Novy, und das passiere auf den unterschiedlichsten Ebenen: Das vom Wissenschaftsministerium finanzierte Projekt „Vielfalt der Kulturen – ungleiche Stadt“ bringe einerseits die beiden Milieus Wissenschaft (Paulo Freire Zentrum und Wirtschaftsuniversität Wien) und Schule zusammen, andererseits die vier beteiligten Partnerschulen – die Kooperative Mittelschule 18, das Bundesgymnasium 18, die serbische Hauptschule Aleksa Šantic und das türkische Gymnasium Istanbul Lisesi.
Im seit 2010 laufenden Projekt ginge es vorrangig darum, die Alltagsstrategien von Jugendlichen mit den Jugendlichen gemeinsam zu erforschen – im Kontext einer durch Vielfalt, Multikulturalität und Zuwanderung geprägten Gesellschaft, die sich in den letzten Jahren stark verändert habe. Geforscht werde in Teams aus SchülerInnen und StudentInnen im Rahmen eines Seminars an der Wirtschaftsuniversität Wien. Die bisherigen Ergebnisse der Forschungsgruppen, so Novy, wurden am Vormittag in einem bunten Stationenbetrieb mit 90 SchülerInnen, LehrerInnen, dem wissenschaftlichen Beirat und ProjektmitarbeiterInnen aus Österreich, Serbien und der Türkei präsentiert und kommentiert.
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Vielfalt und Ungleichheit aus der Perspektive eines Wissenschaftlers

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Gleich zu Beginn seines Vortrages gab der Soziologe Manfred Lueger preis, dass ihn das bunte Publikum, vor dem er heute spreche, im Vorhinein verunsichert hätte, da er normalerweise wissenschaftliche Foren wie die Universität gewöhnt sei. Vielfalt, schlussfolgerte Lueger, habe eben auch ein Stück weit mit Unsicherheit zu tun, die es zu überwinden gelte.

In den Sozialwissenschaften werde Vielfalt auch immer mit negativen Aspekten, wie zum Beispiel Ungleichheit, in Verbindung gebracht. Ungleichheit bedeute die ungleich verteilte Teilhabe von Menschen an der Gesellschaft, so Lueger, der auch Mitglied des wissenschaftlichen Beirats des Projektes ist. Beispielsweise hätten viele Menschen vielleicht Freude an Designerschuhen mit Diamanten, nur wenige könnten sie sich aber leisten.

Was hat eine Prüfungssituation mit der Gesellschaft zu tun?

Um die Verbindung vom Kleinen zum Großen aufzuzeigen, also von den Mikrokosmen der jugendlichen Lebensrealität hin zur Gesellschaft, brachte Lueger das Beispiel einer gewöhnlichen Prüfungssituation. Man möchte meinen, an dieser Situation sei nichts Ungewöhnliches, schaue man aber genauer hin, könne man laut Lueger sehr viele gesellschaftliche Regeln und Normen erkennen: Dort gehe es zum einen um soziale Normierung und Evaluierung der StudentInnen. Zum anderen müssten StudentInnen und PrüferInnen  bestimmten Regeln folgen, um überhaupt zu einer Prüfungssituation zusammenzukommen. Dies alles sei wiederum eingebunden in ein Bildungssystem, das Prüfungen vorschreibt.
Dieses Beispiel zeige, dass es im Alltag sehr viele Regeln und Normen gebe, ohne dass wir uns darüber im Klaren seien. Daraus resultierten auch die Unklarheiten, die oft beim Zusammentreffen von verschiedenen Kulturen zum Vorschein kommen würden. Oft glaube man vom Gleichen zu sprechen, obwohl man Unterschiedliches meine.
An dieser Stelle sprach Lueger weiters den Spracherwerb an, der sehr viel mehr sei als nur das strikte Erlernen von Vokabeln und Grammatik. Laut Lueger muss die Aneignung einer neuen Sprache als Aneignung einer neuen Kultur verstanden werden. Die Suche nach dem Verständnis zwischen unterschiedlichen Kulturen sei zentral, wenn es darum gehe, Ungleichheit in den Griff zu bekommen. Dies sei nicht nur aus wissenschaftlicher Sicht hochinteressant, sondern habe außerdem einen hohen gesellschaftspolitischen Wert.

Die SchülerInnen melden sich zu Wort!

Nach der anschließenden Diskussion, in der sich einige BesucherInnen engagiert zu Wort meldeten, kamen die eigentlichen ProtagonistInnen zu Wort: die Schülerinnen und Schüler der vier Partnerschulen.
Damjan aus Sečanj, der neben mir schon seit Beginn der Veranstaltung fleißig seinen Text studierte, war besonders erleichtert, nun endlich sprechen zu dürfen und machte den Anfang. Sein Lampenfieber lag vermutlich daran, dass er das Projekt auf Deutsch kommentierte – was allerdings hervorragend klappte. Er erzählte dem Publikum, dass es besonders interessant für ihn gewesen sei, die Rolle des Interviewers und Forschers einzunehmen, um dann Freunde und MitschülerInnen über deren Traumberufe zu befragen. Über Skype haben die serbischen SchülerInnen einmal pro Woche mit Wien kommuniziert und Ergebnisse ausgetauscht. Auch Ivana aus der KMS 18, Zeynep aus dem Istanbul Lisesi und Juliane vom BG 18 lieferten sehr positives Feedback.

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Damjan  Malesevic
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Ivana Terzic
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Zeynep Kahraman
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Juliane Weselka


„Ich habe gelernt in andere Rollen zu schlüpfen und selbstbewusster zu sein“ ...

... teilte uns Ivana stolz mit. Mitverantwortlich dafür sei die  Forschungsmethode „Theater der Unterdrückten“, mit der die Schülerin in ihrer letzten Forschungsgruppe gearbeitet hat. Zeynep erzählte, dass sich durch das Projekt ihrer Meinung nach eine Brücke zwischen Österreich und der Türkei gebildet hat, da die SchülerInnen aus den beiden Ländern sehr viele Gemeinsamkeiten entdecken konnten. Freudig übergab sie Andreas Novy anschließend einen Wimpel des Istanbul Lisesis. Juliane lobte begeistert die alternative Form des Lernens beim Projekt, bei der es anders als in der Schule darum gehe, mit wissenschaftlichen Methoden selber Antworten zu finden.
Nach dem Feedback der SchülerInnen wanderten die BesucherInnen und VeranstalterInnen gemeinsam einen Stock tiefer, um den Abend bei belegten Brötchen und Apfelsaft plaudernd ausklingen zu lassen.



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