Kulturelle Vielfalt an Schulen alte oder neue Herausforderung?

Beim Dialogabend im Rahmen des Projekts Vielfalt der Kulturen ungleiche Stadt wurde das Thema der Einbindung von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund in das österreichische Bildungssystem diskutiert. Pessimistische und optimistische Ansichten hielten sich die Waage.
Katharina Fritsch | 19.03.2010
Am Dienstag, den 9. März 2010, fand die Auftaktveranstaltung des Projekts Vielfalt der Kulturen ungleiche Stadt des Paulo Freire Zentrums, einem Projekt im Rahmen des Forschungsprogramms Sparkling Science des Wissenschaftsministeriums, in der Kooperativen Mittelschule 18 (KMS 18) statt. Anlass war ein erstes Kennen lernen aller am Projekt Beteiligten. Als DiskutantInnen am Podium saßen Rüdiger Teutsch, Leiter der Abteilung Migration, interkulturelle Bildung und Sprachenpolitik im Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur und Murat Ssoy, Schulexperte und Vertreter der türkischen MuttersprachenlehrerInnen in Wien. Die Moderation hatte Projektleiter Andreas Novy inne.

Im kulturell und sozio-ökonomisch heterogenen Publikum saßen VertreterInnen der türkischen Botschaft, Céline Loibl (Leitende des Programms Sparkling Science), Lehrende der beteiligten Schulen und der Universität Wien, Studierende, Eltern und last but not least ein paar SchülerInnen, die die Veranstaltung mit Getränken und vorwiegend türkischen Spezialitäten umrahmten.

Neue OECD-Studie alte Erkenntnisse?

Rüdiger Teutsch eröffnete die Podiumsdiskussion mit einem Überblick über die Ergebnisse des Berichts der OECD-Studie OECD Thematic Review of Migrant Education. Country Background Report for Austria. Bei dieser Studie geht es um die Frage, welche Policy-Maßnahmen Bildungschancen für Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund in Österreich verbessern können.
Die Studie macht deutlich, dass das österreichische Bildungssystem ein System darstellt, das soziale Ungleichheiten schlecht ausbalancieren kann. Um so genannte equity, sprich Chancengleichheit, zu erlangen, schlägt die OECD eine Art Mix aus universellen Maßnahmen und Zielgruppen spezifischen Maßnahmen vor. Bei den universellen Maßnahmen handelt es sich beispielsweise um die Verbesserung frühkindlicher Bildung, flächendeckende Einführung ganztägiger Schulformen und eine gemeinsame Sekundarstufe I. Gerade im letztgenannten Bereich stellt Österreich mit seinem stark durchteilten Schulsystem in AHS, BHS, etc. eines der wenigen Länder ohne gemeinsame Sekundarstufe I dar.
In Bezug auf die Zielgruppen spezifischen Maßnahmen führt die Studie die Sprechförderung sowohl der ersten als auch der zweiten Sprache, die Förderung von Lehr- und Lernformen, die stärkere Einbindung von Eltern und Communities, die frühkindliche Förderung, die Stärkung der 'leadership'-Funktion von im Bildungsbereich tätigen Personen und verstärkte Forschung und Evaluation in diesem Bereich an. Mithilfe dieser Maßnahmen soll eine stärkere Individualisierung der SchülerInnen innerhalb des Bildungssystems ermöglicht werden.

Erste Schritte

Laut Teutsch habe Österreich auch schon positive Schritte in Richtung einer Umsetzung solcher equity policies gesetzt. Teutsch erwähnte dabei das zukünftig verpflichtende letzte, beitragsfreie Kindergartenjahr und die Schulversuche der Neuen Mittelschule.
Sowohl von Murat Ssoy als auch vom Publikum wurde nach der Vorstellung der Ergebnisse die Kritik laut, dass es sich dabei doch eher um altbekannte Policy-Maßnahmen handle anstatt um neue innovative Konzepte. Gerade Ssoy deutete darauf hin, dass er schon in vielen Arbeitskreisen ähnliche Forderungen erarbeitet hätte, diese jedoch nie wirklich gehört worden wären.
In diesem Sinne wurde auch deutlich, dass sich Österreich wie auch andere OECD-Länder immer mehr bewusst werden, dass sie es sich vor allem wirtschaftlich nicht leisten können, die steigende kulturelle Heterogenität innerhalb ihrer Gesellschaften zu ignorieren.

Gründe für ungleiche Vielfalt

Teutsch und auch Ssoy warfen die Frage der Gründe für die ungleichen Bildungschancen für Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund auf. Teutsch wies dabei auf die Unterschiede zwischen Deutschland und Frankreich auf der einen Seite und England auf der anderen Seite hin. Während in den beiden erstgenannten Ländern Heranwachsende mit nicht deutscher Muttersprache im Bildungsbereich stark benachteiligt seien, wäre das in England nicht der Fall.  
In Bezug auf die Frage, wer oder was denn nun schuld an solchen Benachteiligungen sei, betonte Ssoy vor allem die Rolle des Bildungssystems. Ein Verweis auf den sozio-ökonomischen Hintergrund der Eltern reiche für ihn nicht aus. Es wurde demnach deutlich, dass es sich hierbei um eine gesamtgesellschaftliche Frage handelt. Die Außerachtlassung dieser Strukturfragen bringe laut Teutsch auch die Gefahr einer Ethnisierung von Armut mit sich anstatt Armut als einen Grund für schlechtere Bildungschancen für Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund anzusehen.

Pessimismus oder Optimismus?

Österreich sei sich laut Teutsch immer noch nicht wirklich bewusst, dass es ein Einwanderungsland sei. Auch existiere immer noch eine Art Hegemonie über Kultur, sprich eine Benachteiligung anderer Kulturen. Solche Äußerungen innerhalb der Diskussion ließen die Debatte um die weitere Entwicklung des österreichischen Bildungssystems nicht unbedingt optimistisch erscheinen.
Von den Anwesenden kam auch Skepsis, ob sie einen Wandel im Bildungssystem angesichts des Tempos der Umsetzung der Maßnahmen und der Tatsache, dass es sich bei den Ergebnissen der Studie um nicht wirklich neue Erkenntnisse handle, noch erleben würden.
Dieser pessimistischen Stimmung wurden dann aber vor allem vonseiten der Direktorin der KMS 18, Erika Tiefenbacher, die Erfolge des Projekts Vielfalt der Kulturen ungleiche Stadt entgegengehalten. Andreas Novy fügte noch hinzu, dass sich in Hinblick auf die steigenden Tendenzen zu kultureller Heterogenität innerhalb der EU das Bildungssystem neben anderen Systemen zwangsläufig verändern müsste. Über weitere Ideen und Projekte konnte dann beim Buffet der SchülerInnen der KMS 18 weiter diskutiert werden.

OECD_Bericht.pdf  (490.26 KB) 

Die Autorin studiert Internationale Entwicklung und Politikwissenschaften und ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum.


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